Marktwächteruntersuchung zeigt Probleme im Bausparkassensystem

05.07.2016

Wandel des Bausparkassengeschäfts steigert Risiken für Verbraucher

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Baufinanzierung: Ein Modelhaus auf einem Fächer aus Geldscheinen.
© magele/Fotolia

Bremen / Berlin, 5. Juli 2016 – Das Bauspardarlehen hat scheinbar ausgedient. In der andauernden Niedrigzinsphase wird es kaum mehr nachgefragt und entfällt als Einnahmequelle für Deutschlands Bausparkassen. Diese setzen daher zunehmend auf Erträge abseits des klassischen Bauspargeschäfts – und könnten damit auch das Geld der Bausparer riskieren. Zu dieser Einschätzung kommt die Verbraucherzentrale Bremen im Rahmen einer Untersuchung des Projekts Marktwächter Finanzen.

Einen Bausparvertrag ansparen und anschließend mit dem günstigen Bauspardarlehen ein Eigenheim erwerben – so sieht der klassische Bausparvertrag aus. Doch dieses Modell hat in Zeiten niedriger Marktzinsen scheinbar ausgedient. „Die Bausparkassen haben sich seit Mitte der 1990er-Jahre immer mehr vom klassischen, kollektiven Bauspargeschäft entfernt. Sie können mit den Bauspardarlehen nicht mehr genug Geld erwirtschaften, um die Guthabenzinsen für die Sparverträge zu bezahlen“, sagt Philipp Rehberg, Teamleiter Marktwächter Finanzen bei der Verbraucherzentrale Bremen. „Stattdessen setzen Bausparkassen auf außerkollektive Darlehen wie Vor- und Zwischenfinanzierungen, um ihre Einnahmen zu steigern.“

Der Anteil des kollektiven Geschäfts liegt inzwischen nur noch bei knapp zwölf Prozent. Das Jahr 1998 ist aus Sicht der Marktwächter in der Verbraucherzentrale Bremen ein Wendepunkt in der mehr als 100-jährigen Geschichte der Bausparkassen: Mitte des Jahres überstieg das außerkollektive Geschäft erstmals das kollektive. Die Verbraucherzentrale Bremen hat sich in der Untersuchung mit den Auswirkungen der gesunkenen Marktzinsen auf die Geschäftspolitik der Bausparkassen auseinandergesetzt. Hierzu hat sie unter anderem Statistiken der Deutschen Bundesbank zur Entwicklung des Bausparkassengeschäfts seit Mitte des 20. Jahrhunderts und aktuelle Geschäftsberichte der Bausparkassen ausgewertet.

Zunahme von Bausparsofortfinanzierungen – Nachteile für Verbraucher

Knapp 85 Prozent des außerkollektiven Geschäfts sind Vor- und Zwischenfinanzierungen. Hierzu gehören insbesondere Bausparsofortfinanzierungen, bei denen ein Vorausdarlehen mit einem Bausparvertrag kombiniert wird. Aus Sicht von Dr. Annabel Oelmann, Vorstand der Verbraucherzentrale Bremen, hat dieses Produkt erhebliche Nachteile. „Der Zuteilungszeitpunkt des Bauspardarlehens ist nicht garantiert, mögliche Verzögerungen führen zu einer Verteuerung der Finanzierung“, sagt Oelmann. „Bei einer vorzeitigen Ablösung des Vorausdarlehens zahlen Verbraucherinnen und Verbraucher in der Regel eine höhere Vorfälligkeitsentschädigung als bei einem vergleichbaren Annuitätendarlehen.“

Gesetzgeber billigt höheres Risiko

Dass Bausparkassen von ihrem eingeschlagenen Weg abweichen, ist nicht zu erwarten. Im Gegenteil: Mit der Novellierung des Bausparkassengesetzes im Dezember 2015 und der Änderung der entsprechenden Verordnung hat der Gesetzgeber den Bausparkassen noch mehr Freiheiten eingeräumt. „Bausparkassen dürfen nun in noch größerem Umfang auf Mittel aus der Zuteilungsmasse zugreifen, um außerkollektive Finanzierungen zu vergeben. Sie dürfen in Aktien investieren und Rücklagen auflösen, die aufgrund gesetzlicher Verpflichtung ursprünglich gebildet wurden, um die Zuteilungszeiten zu stabilisieren“, sagt Rehberg.

Im Gegenzug soll zwar ein verbessertes Risikomanagement der Bausparkassen die Verbraucher effektiver schützen. Doch aus Sicht der Verbraucherschützer bergen die Maßnahmen dennoch erhebliche Risiken für die Bausparer, wie die Erhöhung der erwarteten Finanzierungskosten oder gar das Scheitern der Finanzierung durch Verzögerungen bei der Zuteilung von Bauspardarlehen.

Teamleitung

Philipp Rehberg
Marktwächter Finanzen
Verbraucherzentrale Bremen
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